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VUF is on a distinguished road

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Datum: 22.06.2004
Uhrzeit: 11:20
ID: 4151



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Das mit "Architektur von Dauer" ist ja genau das, worum es geht. Wenn wir ein kohärentes Bild einer Gesellschaft entwickeln - sozusagen den "Idealzustand" - dann wissen wir auch, was und wie man bauen müsste um in der Zukunft dieser "Idealgesellschaft" eine angemessene, gebaute Umwelt zu schaffen.
Das ist das Gegenteil von dem, was Corbusier vorhatte; nämlich die Leute erstmal dazu zu erziehen, glücklich in Serienhäusern zu leben; ihnen die "richtige" Einstellung anzuerziehen ("Verse une architecture"). Wenn wir uns heute bloss dem anpassen, was der Markt angeblich will, dann zementieren wir aktuelle Zustände für eine potentielle Ewigkeit, anstatt den Raum für in der Zukunft wünschenswertere Zustände zu schaffen.

Wenn wir das gesellschaftliche "Enterprise"-Ideal verfolgen, dass die Maschinen die Arbeit machen und alle Menschen sorgenfrei und versorgt sind - OK! Aber dann sollte die Architektur noch immer dem gerecht werden, was Menschen empfinden und brauchen, nicht dem, was Maschinen am einfachsten und billigsten produzieren können. Der Prozess des Entstehens ist aber genauso wichtig wie das Ergebnis, denn das Ausschliessen von Menschen aus dem Produktionsprozess, sie zu Monteuren zu degradieren, vermittelt das deprimierende Gefühl, ersetzbar und damit praktisch überflüssig zu sein.
Die haptische Qualität von natürlichen Materialien und ihren manchmal auch fehlerhaften Oberflächen, der visuelle Reiz des Schattenspiels auf plastisch durchformten Fassaden (im Massstab von 1cm - 2m), die Eigenschaft von Materialien, anständig zu altern - überhaupt Altern zuzulassen, anstatt kurzfristig "perfekte" Oberflächen zu produzieren - all das schafft eine Verbindung zu unserer eigenen, mängelbehafteten Kreatürlichkeit.

"Es ist etwas grundverkehrt mit der Art, wie heute Architektur praktiziert wird. Architektur ist nicht etwas ganz Seltenes, das nur von wenigen Eingeweihten verstanden werden kann. Architektur ist nur ein anderer Name für "Gebäude". Wie alle anderen Gegenstände auch kann man sie unter reinen Nützlichkeitsaspekten betrachten oder sie werden mit diversen Mitteln verbessert wie z.B. Dekoration um sie visuell attraktiver zu machen, oder sie werden als Abbilder gebraucht, um andere Sinneseindrücke zu evozieren. In jedem Fall jedoch verkörpern sie die Werte derjenigen, die sie errichtet haben ... Es ist jedoch ebenfalls nachvollziehbar, dass Gebäude die Werte zumindest des Grossteils derer wiederspiegeln sollten, die sie bewohnen. Wenn sie dieses nicht tun, gibt es einen Konflikt zwischen der Perspektive einer Gesellschaft und ihrer gebauten Umwelt. Da, wo sich Gebäude in Harmonie mit der Gesellschaft befinden, unterstützen und bereichern sie das alltägliche Leben.
Unglücklicherweise reflektieren die von Architekten produzierten Entwürfe eher ihre eigenen Wertvorstellungen als diejenigen der Gesellschaft, der sie eigentlich dienen sollen. Dieser Interessen-Konflikt ist so sehr mit der historischen Entwicklung des Berufsstandes verknüpft, dass das Wort "Architektur" selbst zu einem entscheidenden Teil des Problems geworden ist. Wie der Begriff "Kunst" ist auch Architektur vor langer Zeit von einer kleinen Gruppe Spezialisten vereinnahmt worden, um ihren eigenen symbolischen Wert zu kategorisieren und um ihn vom Geschmack "der Anderen" zu trennen. Das Ziel dieser Strategie war es, alternative Arten von Erfahrungen zu marginalisieren und auszuschliessen."
Anthony Jackson; "Reconstructing Architecture for the Twenty-First Century"



Ich fand Pattern Language überhaupt nicht klischeehaft; ich war nur immer wieder überrascht, wie einfach und nachvollziehbar die Argumente Christopher Alexanders sind. Und ich glaube nicht, dass sich am Empfinden und den alltäglichen Bedürfnissen der Menschen (worum es hauptsächlich geht) seit den 70ern so wahnsinnig viel geändert hat. An den Menschen selbst (wie auch ihrem Reproduktionsprozess!) hat sich - streng genommen - seit der Antike nicht so sehr viel geändert.

So sehr reduziert sind die Aussagen zu Menschen und ihrem Zusammenleben auch gar nicht - wenn aus 253 Patterns (Stadt, Haus, Konstruktion) ein kohärentes Ganzes entsteht, dann ist das immer noch offen genug, dass jeder im Rahmen des Entstandenen mehr oder weniger machen kann, was er will. Es geht doch nur darum, einen funktionierenden, nachhaltigen Rahmen zu erstellen - über die Inhalte kann sich jede Generation selber Gedanken machen. Der Rahmen soll nur nichts ausschliessen.

Vor kurzem habe ich mit einem Freund von Christopher Alexander gesprochen, der auch an "The Nature of Order" mitgearbeitet hat. Ich war etwas im Zweifel, ob die Methode, im Bauen möglicherweise so intensiv auf die Vorstellungen und Wünsche eines Einzelnen einzugehen nicht eher dazu führt, dass das Gebäude für die nächste Benutzergeneration unbrauchbar wird. Er meinte nur, das geschähe schon deshalb nicht, weil im Allgemeinen niemand dermassen extrem wäre, dass nicht jemand anderes mit den Ergebnissen leben könnte. Und in den Fällen, wo Situationen entstehen, die einem Nachnutzer fragwürdig erscheinen könnten, würde man schon durch die Qualität der restlichen Architektur entschädigt.

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