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Nils: Offline

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Nils is on a distinguished road

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Datum: 25.08.2005
Uhrzeit: 23:25
ID: 10681



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Architektur als Kunstform ist vor allem ein Alleinstellungsmerkmal des Bauherren. Eine begehbare Möglichkeit der gesellschaftlichen Verortung.

Sie vereinigt die Repräsentation (Bilder und Symbole der herrschenden Gesellschaft und Kultur) mit der Wirkung des Raumes auf die Befindlichkeit des Einzelnen (angeborene und anerzogene Raumwahrnehmung).

Die räumliche Opulenz oder Ungewöhnlichkeit der Bauten (z.B. der von Zaha Hadid), die wir in den Architekturmedien vorgeführt bekommen, erkauft sich der Bauherr. Das heißt ökonomisch gesprochen, daß er sie aus einem Gewinn finanziert, der nicht wieder in die Produktion gesteckt wird, also keinen Mehrwert mehr bringt (siehe Loos' "Ornament und Verbrechen").

Wie im Mittelalter, wo eine ganze Stadt über Generationen hinweg ihr Erwirtschaftetes nicht in die eigene Infrastruktur, sondern in ihr Münster steckte, so wird heute der Gewinn einer erfolgreichen Firma z.B. für eine repräsentative Firmenzentrale ausgegeben. Damit kann man sich Architektur kaufen, als Variation über das theoretisch effizienteste System.

Diese Aporie, diesen ausweglosen Wiederspruch zwischen dem effizienten System und dem repräsentativen Bau führt uns kein anderer Architekt durch sein Gesamtwerk so gut vor Augen wie le Corbusier. Auf der einen Seite die höchste architektonische Sensibilität der Kirche von Ronchamps, auf der anderen Seite die Wohnmaschine, bei der drei Geschosse über einen einzigen Flur erschlossen werden. Und über allem sein großes Mißverständnis, die Gesellschaft in ein bauliches Gesamtkunstwerk gießen zu wollen, ohne ihren Wandel, den Wandel der Standards, wahrzunehmen. Paradoxerweise ist die effiziente Wohnmaschine für ihre heutigen Besitzer ein teurer Sanierungsfall, während die aus dem gesellschaftlichen Mehrwert abgezweigten Kirchen Publikumsrenner sind und touristisch werbewirksam.

Ich denke, daß Architektur im klassischen Sinne, also als eine der 7 Künste betrachtet, nicht im Mittelpunkt des Bauenden stehen sollte. Nur dann, wenn Konsens über ein repräsentatives Gebäude herrscht, sollte man alle Register der Feinfühligkeit ziehen - man soll den mühsam erarbeiteten Überschuss der Menschen ja nicht an Unangemessenes verschwenden.

Sonst kann sich schlicht nicht jeder ein Kunstwerk leisten, die meisten sind froh, wenn sie ein Dach über dem Kopf haben.

Wenn dieses Dach dann noch pfiffig gemacht ist, angenehm zu bewohnen oder unter ihm zu arbeiten, und schön genug, daß es nicht bei der ersten Gelegenheit wieder abgerissen wird, dann hat man gute Architektur gemacht, ganz ohne große Theorie.

Nils

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